An einem Ort des Schreckens

An einem Ort des Schreckens

Eisenbahnwagon in Auschwitz-Birkenau
Eisenbahnwagon in Auschwitz-Birkenau

Ich bin mit der Erwartung losgefahren, dort sehr bedrückende Gebäude, Gegenstände und Hinterlassenschaften zu sehen und viele Erfahrungen zu sammeln. Vor der Fahrt habe ich in meinem Essay geschrieben, dass ich glaube, dass in den dort vorhandenen Mauern immer noch die Seelen der Opfer wohnen. Das glaube ich auch immer noch, ich hatte es mir nur anders vorgestellt, ich dachte, man würde irgendetwas fühlen bzw. die ganze Zeit daran denken müssen, dass dort viele Menschen gestorben sind. Genauso dachte ich, dass die Atmosphäre, wenn man auf dem Bahnsteig in Auschwitz-Birkenau steht, wo die Gefangenen aus den Zügen ausstiegen, von den NS-Leuten empfangen wurden, viele direkt zu den Gaskammern laufen mussten und viele Menschen, wenn sie nicht schnell genug waren oder versuchten zu flüchten, erschossen wurden, sehr bedrückend sei. Aber als man dort stand und das so gesehen hat, war es gar nicht mehr so schlimm. Ich weiß nicht warum, aber man wusste ja, dass dort viele Menschen gestorben sind, aber als man dort stand, war davon einfach nichts mehr vorhanden und ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass dort so viele Menschen gestorben sind.

Teiche in Auschwitz-Birkenau, in denen die Asche der verbrannten Ermordeten verstreut wurde.
Teiche in Auschwitz-Birkenau, in denen die Asche der verbrannten Ermordeten verstreut wurde.

Nun bin ich wieder zuhause und finde, dass es ganz anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fand, dass, wenn man dort ist, man sich das gar nicht richtig vorstellen kann, weil es dort einfach nicht so aussieht, als wären dort vielen Menschen gestorben; die Gänseblümchen wachsen wie zu Hause auch und die Bäume sind grün und der Himmel blau – ja, eigentlich normal, aber wenn man sich Filme dazu ansieht, ist es immer grau und ja, man sollte sich nicht alles so vorstellen, wie es in Filmen dargestellt wird, aber das ist einfach die Vorstellung, mit der man dorthin fährt. Wenn man jetzt im Nachhinein sich die Filme noch einmal ansieht, kann man sich das alles viel besser vorstellen, weil man die Stellen, an denen man war, wiedererkennt und sieht, was dort alles passiert ist. Und dann finde ich, wird es schlimm. Ich wollte ein/zwei Tage vor der Fahrt gar nicht mehr mit, weil ich Angst hatte, dass es dort so bedrückend wird, und wenn ich ehrlich bin, fand ich es nicht bedrückend. Warum? Ich habe keine Ahnung, vielleicht, weil vieles umgebaut wurde und alles mehr an ein Museum erinnerte und weniger an ein Vernichtungslager.

Überreste einer kleineren Gaskammer
Überreste einer kleineren Gaskammer

Und vielleicht auch, weil vieles weggesprengt wurde, damit man nichts nachweisen kann. Als wir neben einem gesprengten Krematorium standen, fragte ich, was das für Teiche seien, die sich daneben befanden. Es waren Teiche, in denen die Asche der Menschen versenkt wurde. Kurz darauf erfuhr ich, dass wir ja rein theoretisch auch auf Asche stehen. Das war etwas komisch, weil man da vorher gar nicht dran gedacht hatte, und obwohl ich es hörte, konnte ich das gar nicht so realisieren oder mir vorstellen.

Während der Führung kamen wir an einem Bild vorbei, das ich ziemlich schrecklich fand. Man sieht viele Gefangene und auch NS-Leute. Einer dieser NS-Leute lacht, während die Gefangenen vor ihm auf dem Weg getrieben werden, und er schmunzelt nicht nur, nein, er hat ein breites Lachen aufgesetzt, ein hämisches, schäbiges Lachen.

Häuserfassaden im Viertel Podgorze
Häuserfassaden im Viertel Podgorze

Im Gegensatz dazu fand ich es sehr schön, zu sehen, wie viel Leben im ehemaligen jüdischen Ghetto ist. Die Häuser sind frisch saniert und bunt angestrichen, dort gibt es Geschäfte und große Graffitis. Es zeigt, dass die Menschen dort, nicht so sehr an der Vergangenheit festhalten, sondern der Stadt auch eine neue Chance geben.

Besonders schlimm, und das fand ich wirklich bedrückend, war, als wir die von einer Künstlerin nachgemalten Zeichnungen der Kinder gesehen haben. Da konnte man sehen, dass sie wirklich alles mitbekommen haben.

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